Meine Bücher und Ich #3

Menschen verschwinden ständig. Fragen Sie die Polizei. Besser noch, fragen Sie einen Journalisten. Daß Menschen vermisst werden, ist für Journalisten so etwas wie das tägliche Brot.

Junge Mädchen reißen von zu Hause aus. Kleine Kinder laufen ihren Eltern weg und werden nie mehr gesehen. Hausfrauen sind plötzlich mit ihrer Geduld am Ende und nehmen das Haushaltsgeld und ein Taxi zum Bahnhof. Internationale Finanziers ändern ihren Namen und lösen sich im Rauch einer Havanna auf.

Viele vermißte werden schließlich gefunden – lebendig oder tot. Für ihr Verschwinden gibt es im allgemeinen eine Erklärung.

Meistens jedenfalls.

19. Juli 2014

Nur selten verließ die junge Studentin – konnte sie sich denn noch so nennen? Naja theoretisch war sie ja immer noch eingeschrieben –  ihr Zuhause, denn draußen hatte sie das Gefühl, dass die Menschen sie erdrücken würden, als könnte sie nicht atmen, als würde sie jeden Moment ersticken. Ersticken an den Worten die sie wieder und wieder sagte, sagen musste, denn es gab wenige, die es wirklich wussten. Die Katastrophe, das Drama, der Fall, von dem sie sich kaum erholt und mit welchem sie Tag für Tag, nach fast einem Jahr, immer noch zu kämpfen hat.

Ich habe es nicht geschafft. Ich werde wechseln und mein Glück noch einmal versuchen.

Macht doch nichts, dann versuchst du es eben noch einmal und dieses Mal schaffst du es dann bestimmt. Kopf hoch.

Wem auch immer sie jene Worte sagen musste, verfluchte sie innerlich für diese Antwort, die zwar tröstend gemeint waren, aber in Wirklichkeit nur Salz in die Wunde streuten. Denn sie verstanden nicht, würden es nie verstehen, ob es für sie ein nächstes Mal geben würde, eine zweite Chance… Und wenn nicht? Was dann?? Möchte sie am Liebsten hinterher schreien, aber dieser Schrei bleibt immer in ihrem Inneren stecken.

An diesem Tag jedenfalls dachte sie, müsse sie sich aus ihrem Schneckenhaus mal hinauswagen, Routine vortäuschen den besorgten Menschen in ihrer Umgebung gegenüber, während sie selbst nach irgendeiner Form von Normalität lechzte. Denn der Fall hatte Chaos hinterlassen, so ein gewaltiges Chaos, das die junge Frau nicht wusste, wo sie anfangen sollte aufzuräumen und ob es überhaupt einen Sinn hatte.

Dieses Buch zog sie irgendwie an: Das Cover war so einfach, so banal, aber mindestens auch genauso mysteriös. Sie drehte es, auf der Suche nach einem Klappentext und fand ihn tatsächlich ebendort:

Schottland 1946: Die englische Krankenschwester Claire Randall ist in den zweiten Flitterwochen, als sie neugierig einen alten Steinkreis betritt 
und darin auf einmal ohnmächtig wird. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich im Jahr 1743 – und ist von jetzt auf gleich eine Fremde, ein »Outlander«. 

Irgendwie bannte es sie auf Anhieb. Sie hatte zwar nie zuvor einen historischen Roman gelesen, nahm immer alles zu genau was die entsprechende korrekte Forschung usw. anging – tja typisch Historikerin eben – aber irgendwie fühlte sie, dass dieses Buch gekauft werden musste. Es war wie verhext! Sie ging an die Kasse, wo die Verkäuferin sie anlächelte und sagte: „Ein wirklich tolles Buch, ich war sehr begeistert davon!“ Nun war die eigentlich ja aber irgendwie doch nicht-Studentin richtig neugierig und fragte: „Also können Sie es empfehlen? Ich habe nämlich noch keinen historischen Roman gelesen. Nur Game of Thrones (George R. R. Martin), aber das kann man ja nicht als historischen Roman bezeichnen.“ „Nein, da haben Sie recht, aber wenn Ihnen Game of Thrones grundsätzlich gefallen hat, dann werden Sie dieses Buch vermutlich auch mögen!“. Also war es entschieden, das Buch war gekauft und die junge Frau sah zu, dass sie wieder so schnell wie möglich nach Hause kam. Diese harmlose Konversation allein war schon zu viel für sie, jetzt konnte sie sich wieder verkriechen. Genug Normalität für heute!

Zu Hause wartete sie bis es dunkel wurde, um mit dem neuen Buch zu beginnen. Die Nacht war ihr doch die liebste Tageszeit: Keine Menschen, keine Fragen, keine Notwendigkeit irgendjemandem irgendetwas zu sagen, Rechenschaft über irgendetwas abzulegen. Perfekt also, für jemanden wie sie. Als es dann soweit war, öffnete sie das Buch – und konnte die Realität endlich abschalten, vor der sie mittlerweile täglich zu fliehen suchte – und tauchte in Claire Randalls Welt ein. Schon nach wenigen Seiten bemerkte sie, dass sie eine besondere Geschichte in den Händen hielt und las stundenlang darin.

Irgendwie beeindruckte Claire die junge Frau, denn sie war stark und neigte nicht zu Depressionen, nur weil sie mal eben kurz zweihundert Jahre in die Vergangenheit gefallen war. Sie machte irgendwie das Beste aus der gesamten Situation.

Na klar, sie hat ja auch einen Schotten in sexy Kilt an ihrer Seite, der sie immer vor allen beschützt. Den habe ich ja leider nicht, ich muss alleine klar kommen – dachte die (ich nenne sie jetzt einfach) Studentin zynisch, aber sie musste auch Keinen an ihrer Seite haben, um ihr aus ihrem Chaos zu helfen. Das musste sie schon selbst regeln, das wusste sie. Aber dennoch hatte die Protagonistin etwas Besonderes an sich, etwas Inspirierendes weiter zu machen, zu kämpfen und nicht aufzugeben. Auch wenn es ein langer Prozess war, half Claire Randall/Fraser-MacKenzie – neben vielen anderen Protagonisten – der jungen Frau dabei weiter zu machen und nicht aufzugeben. Wann immer die Studentin also Kraft benötigt, für kurze Momente einen Beschützer in Kilt sucht (naja, das eher zweitrangig), und den langen, langen Weg Claires (durch insgesamt acht Bücher) begleiten will, greift sie gerne zu dieser tollen Reihe von Diana Gabaldon. Am Ende des Tunnels ist ja irgendwann wieder Licht, wie man so schön sagt; Claire hat es ja auch geschafft…

Der Ort sah, zumindest auf den ersten Blick, nicht so aus, als würden dort viele Menschen verschwinden…

 

 

 

TIPP: Auf Englisch macht es – meiner Meinung nach – mehr Spaß, die Bücher zu lesen, da der schottische Akzent hier schön hervorgehoben wird und in Zusammenhang mit den Protagonisten, der Umgebung und dem historischen Zusammenhang usw.. authentischer wirkt!

 

 

***

Ein weiterer Beitrag aus der Rubrik Meine Bücher und Ich ist beendet, in welchem ich meine (Lieblings-) Bücher vorstelle, wobei ich die Jahrestage, in denen ich sie mir kaufte, eine bestimmte Rolle spielen. Denn zumeist verbinde ich den Erwerb jener Bücher mit gewissen Lebensabschnitten. Teilweise wird es sich also anbieten, die Bedeutung meiner Bücher für mich anzusprechen, da sie mir in schwierigen Zeiten über den Weg gelaufen sind und mir ‚beigestanden‘ haben oder mich an gewisse schöne Erlebnisse erinnern.

Ich wünsche euch einen wunderbaren Abend ❤

 

 

 

 

 

 

 

Randnotiz

Meine deutschen Ausgaben der Reihe stammen noch aus dem Blanvalet Verlag. Mittlerweile aber werden sie vom Droemer-Knaur Verlag ediert. Die Quelle des Klappentextes entstammt auch aus dem letztgenannten Verlagshaus.

Außerdem habe ich die Zitate so übernommen, wie sie in meiner Ausgabe (19. Aufl. 2004) zu finden sind, auch wenn die Schreibweise einiger Wörter heute anders ist.

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3 Antworten auf „Meine Bücher und Ich #3

    1. Hey!

      Ich brauchte ein wenig Zeit um ‚reinzukommen‘ aber danach ging es. Ich würde es nicht als außerordentlich schwer bezeichnen. Probiere es einfach Mal aus! Setz do h in eine Buchhandlung, schnapp dir das englische Buch und lese hinein 10 Seiten oder so dann merkst du es 🙂

      Liebe Grüße,
      Ümi

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