Special Saturday: Autoren- und Buchvorstellung mit Sven J. Olsson

Liebe Leser,

heute möchte ich euch gerne Sven J. Olsson vorstellen, den ich interviewen durfte und dabei habe ich auch Fragen zu seinem neuesten Werk No Problem, Sir, einer wirklich schön und sympatisch geschriebenen Sammlung von Kurzgeschichten über seine Aufenthalte in Indien gestellt.

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Hallo lieber Sven, erst einmal möchte ich Dir danken, dass Du Dir die Zeit nimmst, mir ein paar Fragen über Dich und Deine Bücher zu beantworten. Magst Du vielleicht selber erst einmal etwas über Dich erzählen?

Das ist immer die Frage, vor der ich den meisten Respekt habe. Wo soll man anfangen und was ist wichtig. Zunächst einmal, ich bin mit Büchern groß geworden. Zuhause gab es immer Bücher zum Geburtstag, zu Weihnachten. Es wurde viel gelesen. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch Buchhändler geworden. Tja, und dann begann die Zickzackfahrt durchs Leben. Erst kam das Studium, weil ich ins Verlagswesen wollte; dann wurde es statt BWL Soziologie, weil jene spannender war, als Bilanzen lesen. Erste journalistische Gehversuche folgten und dann wollte ich zum Film. Ich schrieb die ersten Drehbücher und ging auf die Schauspielschule. Dann rief das Theater. Und ich habe in freien Produktionen alles gemacht, was man nur machen kann: Kleider geändert, Bärte geknüpft, Bühne gebaut, gespielt, Regieassistenz und Produktion. Dann kam das Kabarett, das mich schon immer fasziniert hatte, und nebenbei begann ich in der Bibliothek zu arbeiten. Tja, irgendwann habe ich dann angefangen Stücke zu schreiben, und heute bin ich da, wo alles angefangen hat: beim Buch. Das ist aber nur der berufliche Werdegang. Daneben gibt es noch andere Dinge. Ich tanze Tango Argentino, habe durch meine Frau die Reiselust in mir entdeckt und drücke mich vor Premierenfeiern. Und ich stehe auf Bollywood.

Ich bombadiere Dich jetzt mal mit kurzen Impulsfragen.
Du hast einen Wunsch frei, was würdest Du Dir wünschen?

Mein Wunsch ist ganz eigensinnig, neben dem berühmten Weltfrieden: Ich würde gern mit Walter Mehring einen Abend in einer Kneipe sitzen und über Gott und die Welt reden. Leider ist der unerfüllbar, da Walter Mehring 1981 gestorben ist. Aber er ist mein großes literarisches Vorbild.

Dich macht… glücklich.

Mit meiner Frau Hand in Hand durch die Welt zu ziehen.

Wenn Du es für immer vermeiden könntest, würdest Du….nicht (mehr) tun.

Ungerecht sein. Manchmal behandelt man Menschen ungerecht und merkt es erst zu spät, oder tut es aus der Situation heraus, obwohl man ahnt, daß es nicht richtig ist.

Du hast zu Schreiben angefangen als/weil…

… ich weiß es nicht wirklich. Ich habe, als ich Kabarett gemacht habe, immer auch kleine Szenen geschrieben, Songs umgetextet. Irgendwann wurden daraus erste Theaterstücke.

Du liest selber gerne…

… die Literatur der zwanziger und dreißiger Jahre. Eine Zeit, in der unglaublich spannende Literatur entstanden ist. Es wurde viel mit Sprache ausprobiert, das ist faszinierend. Ich denke da z.B. an Dos Passos, Alfred Döblin, Klaus Mann, Mascha Kaleko, Ernst Toller und viele andere Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die dann ins Exil gehen mußten. Ganz oben steht für mich natürlich Walter Mehring. Ich schätze Hermann Hesse und Georg Büchner. Dann mag ich Chandler, Hammett, Wooldridge und Simenon. Eigentlich bin ich, was das Lesen angeht ein neugieriger Mensch. Wenn mich die ersten Seiten fesseln, wobei das nicht eine Frage von Spannung ist, dann lese ich eigentlich alles.

Oh das klingt tatsächlich sehr spannend! Du machst dir viele Gedanken über…

… wie ich Dinge anpacke. Und was schief läuft in dieser Welt.

Oh ja, das kenne ich. In deiner Freizeit machst Du am Liebsten…

… Freizeit. In letzter Zeit habe ich das mit der Freizeit ein wenig verlernt. Ich rutsche immer wieder in irgendwelche Schreibarbeit. Aber wenn ich Freizeit mache, dann gehört dazu lesen, Theater, Film, Musik hören und vor allem die Welt sehen.

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Du schreibst u.a. auch Theaterstücke, was ich sehr spannend finde, weil ich sie gerne lese, noch lieber aber sie im Theater aufgeführt anschaue. Wie kamst du zu diesem Genre?

Ich habe wie gesagt Theater in allen seinen Facetten gemacht und auch Kabarett. Da sind dann zuerst Szenen für das Kabarett entstanden und plötzlich war ich dabei Stücke zu schreiben. Es hat aber lange gedauert, bis sie wirklich Theaterreif waren. Eigentlich war das erste Stück auf der Bühne die Dramatisierung der „Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner als Musical. Für eine deutsch-polnische Jugendbegegnung habe ich das Libretto geschrieben und Frank Valet die Musik komponiert. Gespielt wurde das Musical dann von Kindern und Jugendlichen in Polen und Deutschland. Das war ein wirklich tolles Projekt.

Wow, das klingt wirklich nach einem coolen Projekt! Woran schreibst du aktuell gerade? Dürfen meine Leser und ich eine Kleinigkeit darüber erfahren?

Ich arbeite derzeit an drei verschiedenen Projekten. Zum einen versuche ich meinen großen Roman endlich zu vollenden. Er hat den Titel „Montag oder Silberfische ficken“ und ist die Geschichte einer Suche nach dem Sinn des Lebens. Dann schreibe ich drei monologische Erzählungen unter dem Obertitel „Menschen“ und als Drittes dramatisiere ich die berühmteste Liebesgeschichte Indiens „Devdas“ für ein Hamburger Theater. Premiere wird im November sein.

Dein neues Buch-Baby No Problem, Sir hat vor kurzem das Licht der Welt erblickt. Dazu würde ich gerne ein Paar Fragen stellen, damit meine Leser und ich ein wenig mehr darüber erfahren können.
Zu aller erst möchte ich fragen, wie Du auf den Titel gekommen bist?

Die drei Worte „No Problem, Sir“ gehören zu den Worten, die man in Indien am meisten hört. Und das Lustige ist, sie haben eine unterschiedliche Bedeutung, je nachdem, in welchem Kontext sie gesagt werden. Wenn man auf der Straße oder als Tourist diese Wort zu hören bekommt, dann meinen sie das, was sie sagen: Es ist kein Problem, wir finden eine Lösung. Und so ist es auch. Ganz egal was, es gibt immer einen Weg. Hört man allerdings bei der Arbeit mit Indern dies „No Problem, Sir“, dann gibt es meist ein Problem. Merkwürdigerweise sagen einem Inder, in einem Arbeitszusammenhang, selten, daß es Schwierigkeiten gibt, oder sie etwas nicht verstanden haben. In diesem Fall heißt es also hellhörig zu sein und die Ursachen des Problems finden. Diese zwei Lesarten von „No Problem, Sir“ fand ich sehr typisch und passend für die Sammlung der Geschichten.

Im Vorwort von No Problem, Sir schreibst Du, dass du 3 Aufenthalte insgesamt in Indien hattest.

Inzwischen sind es fünf Aufenthalte gewesen und im September folgt der sechste.

Huiuiui, ok, fünf also. Wann war der Moment in dem Du dachtest „Eigentlich kann ich doch ein Buch über meine Erfahrungen hier schreiben“?

Beim ersten Aufenthalt habe ich für die Freunde und Familie zuhause gebloggt. Vielen mochten die Geschichten und die Art, wie ich von den Erlebnissen berichtete. So habe ich beim zweiten langen Aufenthalt weitergebloggt und als ich wieder in Hamburg war, stellte ich fest, es sind ganz schön viele Geschichten entstanden. Da lag dann die Idee eines Buches plötzlich ganz nahe.

Das Buch beinhaltet ebenfalls viele Fotos, die Du selber aufgenommen hast. Waren das Momentaufnahmen, die sich einfach zum richtigen Zeitpunkt ergeben haben, oder erzählen sie eine eigene Geschichte?

Es sind im Wesentlichen Momentaufnahmen. Ähnlich wie die Momentaufnahmen der Geschichten. Insofern erzählen sie zu einem großen Teil auch eine Geschichte. Manchmal illustrieren sie natürlich auch die Erlebnisse. Aber selbst dann gibt es in ihnen noch mehr zu entdecken. Ich fotografiere gern das Alltägliche, das Normale. Das hört sich ein wenig uninteressant an, aber meistens sieht man auf den zweiten Blick etwas Besonderes. Ich fotografiere auch die Sehenswürdigkeiten, aber sie illustrieren nicht das tägliche Leben. Spannender und interessanter finde ich den Blick auf das „Normale“. Zwei kleine Beispiele:

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Ein Mann sitzt auf einem Fahrrad. Irgendwo im indischen Verkehr. Das ist nichts Besonderes. Aber dieser hat ein Blechgefäß an der Querstange befestigt. Im ersten Moment sieht man darüber hinweg, aber bei genauem Hinsehen stellt man fest, es ist ein Tiffin. In ihm befindet sich ein Thali. Eine Mittagsmahlzeit aus verschiedenem Gemüse, Suppe und Brot. Und plötzlich ist es nicht ein Mann auf dem Fahrrad, sondern ein Inder auf dem Weg zur Arbeit, mit dem Mittagessen an der Querstange.

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Auf dem zweiten Bild sind zwei Frauen und ein Kind, hinter ihnen Backsteine. Die Frauen scheinen etwas mit der Baustelle, die sich aus den Backsteinen ergibt, zu tun zuhaben. Das Kind spielt. Es spielt auf der Baustelle. Es spielt auf einer Baustelle? Die Frauen tragen keine Arbeitskleidung. Sie vermitteln das Gefühl dort zuhause zu sein. Und so ist es auch. Ganz oft arbeiten ganze Familien bei einem Hausbau und die wohnen dann dort auch auf der Baustelle. Deshalb spielt das Kind zwar auf einer Baustelle, aber eben auch Zuhause.

Wow, das sind wirklich tolle Eindrücke und Fotos! Ich habe in Dein Buch reingelesen und finde Deinen Schreibstil total toll! Es macht richtig Spaß es zu Lesen! Ich habe das Gefühl, als würden wir bei einer Tasse Kaffee beisammen sitzen und Du erzählst über Deine Eindrücke. Ließ es sich so leicht schreiben wie es mir beim Lesen erscheint?

Erstmal Danke für dies Lob. „Bei einer Tasse Kaffee beisammen sitzen und Du erzählst über Deine Eindrücke“ ist ein wunderschöne Formulierung. Es freut mich, wenn es so leicht wirkt. Beim Schreiben war es nicht so. Da habe ich immer wieder an Kleinigkeiten gefeilt. D.h. ich habe die Geschichten laut gelesen und immer da, wo ich ins Stocken kam angesetzt und versucht es geschmeidiger zu machen. Und ich habe bevor das Buch entstand schon Lesungen mit den Geschichten gemacht. Dieses immer und immer wieder lesen war für mich ganz wichtig.

Wenn Du an Deine erste Indienreise denkst, was fällt Dir spontan ein?

Das Bunte, das Laute und ein Gefühl von Zuhause. Es war alles fremd, aber trotzdem fühlte es sich nicht wirklich fremd an. Es war wie ein Abenteuer. Ein Abenteuer mit dem Namen „Leben“.

Ich glaube ich weiß, was du meinst, dasselbe Gefühl habe ich wenn ich in meiner zweiten Heimat (die Türkei) bin. Was war der absolute Kulturschock für Dich, als Du das erste Mal in Indien warst?

Über den Kulturschock habe ich in dem Buch eine kleine Geschichte geschrieben. Jeder fragt dich, wenn du nach Hause kommst „Und, was war dein Kulturschock?“. Komischerweise war es nicht die Armut oder der Dreck. Mein Kulturschock war das ständige Hupen. Weil es so sinnlos ist und eigentlich nur der Ausdruck für ist „Hierr komme ich“. Dies Hupen ist etwas sehr egoistisches. Und dieses „Ich, Ich, Ich“ steckt hinter ganz vielen Dingen. Das hat mich ein wenig verstört.

Hast Du eine Art ‚Fehler‘ gemacht bzw. ist Dir ein Malheur passiert, das Dir bei deiner nächsten Indienreise definitiv nicht noch einmal passieren wird?

Ich glaube, die meisten Fehler habe ich schon gemacht. Z.B. zerrissene oder angerissene Geldscheine anzunehmen. Die wird man nämlich nur sehr schwer wieder los.

Du hast geschrieben, dass Du irgendwann zurück nach Indien möchtest. Was zieht dich so zum Land hin, dass du es wiedersehen möchtest?

Ehrlich? Ich weiß es nicht. Haha gute Antwort! Aber ich denke ich verstehe dich, irgendetwas ruft einen dorthin zurück, oder?

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus vielen Dingen: Das Exotische, das Abenteuer, die Geschichten, das Chaos, die Anarchie im Täglichen, es gibt viel zu sehen – es ist wie bei einem Kaleidoskop. Man sieht bei jedem Dreh ein neues Bild. Das ist aufregend. Genauso ist es für mich wohl mit Indien.

Ich möchte ja irgendwann auch mal nach Indien und ich weiß von ein, zwei Leserinnen, dass sie es auch vorhaben. Gibt es etwas, das du uns mitgeben kannst, als Personen, die das erste mal dorthin reisen möchten?

Ich glaube es sind drei Dinge, die man mitnehmen sollte: Geduld, Neugier und die Bereitschaft sich den Gepflogenheiten vor Ort anzupassen. Ich will es erläutern. Geduld, in Form einer stoischen Ruhe, braucht man, weil das Leben dort eine andere Geschwindigkeit hat. Mal ist es schneller, mal langsamer. Und weil Inder in vielen Fällen sehr hartnäckig sein können. Ein einfaches Ja oder Nein bringt einen manchmal nicht weiter. Neugier braucht man, um all die wundervollen Dinge, die es gibt, zu sehen und zu erleben. Denn meistens werden sie nicht auf einem Tablett serviert. Und das Anpassen betrifft zum Beispiel die Bereitschaft zu drängeln, wenn man an einem Schalter ansteht. In Indien wird viel gedrängelt, manchmal hat man keine andere Wahl, als mitzumachen. Das sind nur ein paar Beispiele, aber sie treffen für mich den Kern. Wer nach Indien fährt, der erlebt eine völlig neue Welt. Das erfordert Offenheit. Den Dreck kann man ebenso wenig abschaffen, wie die Armut. Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Indien hat viel, viel mehr zu bieten.

Vielen Dank für deine Zeit, lieber Sven, es hat Spaß gemacht mehr über Dich und No Problem, Sir zu erfahren. Ich wünsche Dir alles Gute für den Start deines Buch-Babys und auch weiterhin viel Erfolg!

Liebe Ümran, ich habe zu danken. Es war ein Vergnügen mit Dir über „No Problem, Sir“, Indien und das Schreiben zu sprechen. Solltest Du irgendwann mal nach Indien fahren, oder Deine Leser, melde Dich, ich bin gern bereit noch das eine oder andere zu erzählen.

Oh vielen Dank für das Angebot, darauf komme ich bestimmt mal zurück!

 

Informationen zum Buch

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  • Autor Sven J. Olsson
  • Titel No Problem, Sir
  • Verlag Kadera Verlag
  • Preis 22€

Leseprobe (ich würde euch unbedingt raten, da rein zu schnuppern, denn ich finde Svens Schreibart total sympatisch und die Fotos sind auch wirklich toll!)

Das Buch kaufen

Homepage von Sven J. Olsson

Schönes Wochenende, eure umivankebookie

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